Kaffeemitte – des Neuberliners Küche
Als Neu-Berliner bezeichnen sich diejenigen, die sich seit dem Umsturz von 1989 in der Hauptstadt niedergelassen haben und immer noch heimatlos sind. In ihrer Heimat wollen sie nicht mehr leben, bringen aber alle Gewohnheiten von dort mit, packen diese in ein kreativ-bohèmes Format und es entsteht eine sogenannte Weltstädtischkeit, mit der sie ihr Heimweh kaschieren. Zu sehen sind sie dann vor und hinter den Tresen dieser Stadt, vorzugsweise in Lokalen, die sich in ihren Lieblingseinzugsgebieten wie Mitte oder Prenzlauer Berg befinden, möglichst minimalistisch-stylisch eingerichtet sind und sich optimalerweise auch noch in einem ehemaligen Plattenbaublock befinden wie das ”Kaffeemitte’ . Das Kaffeemitte hat auch noch das Privileg, an prominenter Stelle zu hausieren, direkt an der Kreuzung der derzeit angesagten Straßen Alte Schönhauser, Neue Schönhauser, Münz- und Weinmeisterstraße. Für mich ist das Kaffeemitte ein echtes Produkt der Neuzeit.
Die 5 Mitarbeiter, die an diesem Tag zur Mittagsstunde rumsprangen, machten eher den Eindruck, als wollten sie sich lieber unterhalten als arbeiten. Auf den kurzzeitigen “Ansturm” zur Lunch Time hatten sie anscheinend keinen Bock. Die Dame an der Bestellannahme und Kasse fühlte sich gestresst und ließ dies offen raus. In meinen Augen war gar nicht übermäßig viel los, nicht mal alle Tische waren besetzt und es bildete sich keine Schlange bis nach draußen. 5 Minuten später war auch schon wieder alles vorbei. Sie belohnte sich erst mal selber, setzte sich vor den Tresen wie ein Gast, stopfte sich eine Zigarette und ging dann mit einem Kollegen vor die Tür Rauchen.
Zwischenzeitlich suchten wir uns einen Platz. Im hinteren Bereich waren noch zwei Tische frei, aber beide dreckig. Eine Servicekraft räumte vor unserer Nase das Geschirr unserer Vorgänger ab und ich hoffte, er würde gleich zurückkommen und noch abwischen. Diese Notwendigkeit wurde seinerseits nicht erkannt und ich ging zu ihm, um ihn darum zu bitten. Unser Tisch war jetzt sauber und wir warteten auf das Essen.
Bei der Dame am Counter hatten wir zuvor die Linguine mit Artischocke und Huhn für 7,50 EURO sowie die Farfalle mit Tomatensauce für 5 EURO bestellt. Da dieser Laden – trotz 5 Mitarbeitern – auf Self Service ausgelegt ist, wird erst bestellt, dann gleich bezahlt und im Gegenzug erhält der Gast einen elektronischen Beeper, der blinkt und vibriert, wenn das Essen fertig ist. Also sitzt man mit seinem untertellergroßen Beeper an einem Tisch, analysiert das Geschehen um einen herum und wartet auf sein Essen. Dies wird frisch hinterm Tresen an einer offenen Küche zubereitet. Wenn’s fertig ist, meldet sich der Beeper, man steht auf und holt sich seine Teller.
Unsere Nudeln waren eine echte Überraschung und schmeckten verdammt gut. Obwohl ich ‘nur’ Nudeln mit Tomatensauce hatte, kam bei mir nicht das Gefühl auf, ein liebloses, einfaches Allerweltsgericht bekommen zu haben. Eine gute Tomatensauce kriegt nicht jeder hin und ist bei richtiger Herstellung ein Genuss. Hier im Kaffeemitte hat man das verstanden.
Leider hat man nicht verstanden, dass der Gast nicht sehen möchte, wie das Personal rumstöhnt, sich vor den Tresen setzt und sich wie ein Gast verhält, selber erst mal Mittag isst und dann bei vollem Haus rausrennt, um zu Rauchen, wenn sich drinnen das dreckige Geschirr stapelt und die Tische schmutzig bleiben. Aber das scheint dieses Neue Berlin zu sein, das den Neu-Berlinern so gefällt. Jeder kann sich jederzeit so geben, wie er es für richtig hält, auch auf Arbeit, die ja nicht in Arbeit ausarten soll. Jeder bestimmt über sich selbst, was leider nicht zu einem großen Ganzen führt.
- Kaffeemitte
- Linguine 7,50 €
- Farfalle 5 €
- Tisch & Teller
- Kochstelle
Kaffeemitte
Weinmeisterstr. 9a
10178 Berlin
MO-FR 07:30 – 22:00
SA-SO 10:00 – 22:00






am 24. November 2009 um 19:47 Uhr
Die sind einfach nicht belastbar! Das Verhalten der Servicekräfte hast du gut beschrieben, das ist für mich auch typisch für Neu-Berliner Lokale – Gastronomie ist harte Arbeit, das hat sich noch nicht überall herumgesprochen.
am 02. Dezember 2009 um 16:26 Uhr
ich war auch vor ein paar wochen da, netter ,stylo-laden aber das personal ist der knackpunkt, weswegen ich da auch nicht mehr hingehe.
aber die zugezogenen mitte+boys+and+girls brauchen sowas.
nach 1ojahren im f……. barcomis, geht einem der mitte.kram eh auf den geist.
am 03. Dezember 2009 um 22:27 Uhr
wer eine pasta wie farfalle mit pomodori bestellt, kann in der regel als gastrokritiker nicht ernstgenommen werden!
und wer sich außerdem die zeit nimmt, über etliche zeilen hinweg einen artikel über eine nebensächliche location zu verfassen, hat offensichtlich das ganze “NEUE BERLIN_DING” in -sachen mitte und prenzlauer berg und internet und chichi- sowas von für sich entdeckt, dass ich am ende gar nicht begreife, wie sich dieser jemand so über seine brüder und schwestern auslassen kann.
ich mag an kaffeemitte jedenfalls, dass die meisten am tresen nicht zugezogen sind, sondern wie alle berliner in der gastro einfach mal einen schlechten tag haben. und der kaffee ist hier außerdem unschlagbar!
am 04. Dezember 2009 um 01:48 Uhr
danke sandra für deinen kommentar–wer sich so auslässt, wie “orgaqueen” ist wirklich zugezogen..tatsächlich ist das personal miserabel in diesem laden, aber die produkte sprechen für sich, und auch das ist einiges wert..wer das nicht zu schätzen weiß, soll einfach zurück nach süddeutschland gehn……
am 04. Dezember 2009 um 15:11 Uhr
habt ihr sonst keine probleme?
am 04. Dezember 2009 um 21:19 Uhr
ich bin regelmäßig und gerne in kaffeemitte.
ich finde die produkte sehr gut, die preise für die gegend total ok und das personal zwar auch manchmal nicht sehr professionell, aber es gibt auch einige die dort arbeiten die ich sehr sympatisch, freundlich und zuvorkommend finde. das macht in meinen augen mehr her als ein sofort sauber gewischter tisch!
und wenn jemand nach stunden seine mittagpause macht, stört mich das nicht…wer weiß wie viele stunden sie schon im laden stehen, wieviel vorher schon los war…?
am 14. Dezember 2009 um 21:58 Uhr
@Sandra
Wir sind normale Kunden, die viel lieber loben, als zu kritisieren. Beides kann helfen. Zum Einen uns als Kunden, weil wir dadurch vielleicht bessere Leistungen erhalten und zum Anderen den Besitzern, weil sie unabhängig und kostenlos Rückmeldung ihrer Kundschaft bekommen.
Ich denke nicht, dass die Inhaber ihr KAFFEEMITTE als “nebensächliche Lokalität” positioniert wissen wollen. Trotzdem wird es sie freuen, dass Du gern dort bist und den Gästen der Kaffee schmeckt.
am 28. Dezember 2009 um 15:25 Uhr
tja, orgaqueen…oder soll ich dramaqueen sagen. manchmal spiegelt das personal auch nur die laune der gäste wieder. in berlin kann dir dit ooch noch eher passieren. außer du gehst ins adlon…da lachen sie dir dreckig ins gesicht und verprügeln dafür später zu hause die olle.
wer sich nur ein essen für €7,50 leisten kann, sollte keine solch hohen ansprüche stellen und sich lieber etwas klein halten. und stell dir vor: auch die mitarbeiter im kaffeemitte haben anrecht auf eine pause (und das wärend der arbeitszeit) und wann diese gemacht wird, obliegt sicher nicht deiner entscheidungsgewalt!
ich gehe gerne ins kaffeemitte und finde das personal eher menschlich. wenn du menschlich nicht verstehst, haste das leben nicht verdient!
guten appetit
am 28. Dezember 2009 um 19:27 Uhr
HaHaHa jetzt wird es ja richtig lustig
Die Zugezogenen proben berlinerisch.
Mein Vorschlag:
Die rauchenden Kellner gründen einen Betriebsrat und nehmen das von Verdi. Die beschließen dann – dass die Kellner (und nur die) pünktlich um 12 Uhr zur Mittagszeit Pause machen (logisch auch die müssen ja Mittagspause machen in der Arbeitszeit).
Servieren müssen dann die Köche, denn die sind SCHULD. Die machen gutes Esssen – sollen die doch sehen wie es an die Frau oder Mann kommt.
So isses. Kellner haben schließlich damit nichts zu tun – die müssen nur die Laune der Gäste spiegeln
(Das war der sinnvollste Satz 2009) (vielleicht war auch der Satz mit dem Adlon gut – hab ich aber nicht verstanden, das mit Prügeln und so ??!!)
In diesenm Sinne, liebe Spiegler und gespiegelte Gäste! Ich glaube trink meinen Kaffee lieber woanders.